Hallo zusammen
Seit einiger Zeit befasse ich mich nebenher mit dem Thema Farbgebung – irgendwann muss ich ja Farbe bestellen….
Es gibt keine Zeitzeugen oder erhaltenes Originalmaterial. Fotografien sind sowieso schwarzweiss. Die RAL-Karte kann man im ersten Schritt beiseitelegen. Der Reichsausschuss für Lieferbedingungen wurde erst vier Jahrzehnte später gegründet. Eine erste Standardisierung von Farben machte der RAL etwa 1927. An den Farben des Heilbrönnchens im FFM möchte ich mich nicht orientieren, zumal dessen grün nicht mit den Aufnahmen von RENO in Einklang zu bringen sind (Helligkeit).
Achtung: ab hier gilt Plausibilität. Mein Geschreibsel ist wahrscheinlich oder möglich, aber nicht sicher. Konstruktiver Widerspruch ist also herzlich willkommen.
These 1: Auch Feld- und Baubahnen wurden in den üblichen Lackierungen der Regelspur ausgeliefert. Belegt ist, dass RENO eine Zweifarb-Lackierung mit Zierlinien hatte. Es liegt nahe, dass man in Heilbronn die Lok in Länderbahnfarbgebung angestrichen hat (schwarz/grün ?) Es kommen vor allem die Farben der K.W.St.E in Betracht.
Die
Quellen dazu sind rar und müssen kritisch betrachtet werden:
[1] Diener, W.: Anstrich und Bezeichnung von Lokomotiven: Das Erscheinungsbild deutscher Lokomotiven von 1871 bis heute, Klartext-Verlagsgesellschaft, 2012.
(Diese Quelle bezieht sich im Wesentlichen auf eine technische Vorschrift aus dem Jahr 1906. Darauf Rückschlüsse auf den Anstrich ab 1871 zu ziehen, erachte ich als gewagt.)
[2] Buntbahn:
viewtopic.php?t=585
(Diese Quelle bezieht sich wiederum auf [1], was die Ausführungen zu den Grüntönen aber nicht hergibt. Trotzdem scheint da verborgenes Wissen zu stecken.)
[3] Diverse restaurierte Exponate aus der Länderbahnzeit
[4] Die Interpretationen diverser Modellbahnhersteller
(Scheinbar hat die Fa. Märklin in die Recherche der frühen württembergischen Farben viel Aufwand gesteckt und kommt zu diesem Ergebnis:

Quelle: Modellbau Wiki (siehe: https://www.modellbau-wiki.de/wiki/W%C3 ... ergische_K )
Dennoch ist dieses Modell natürlich Unsinn: einerseits fehlen die Zierlinien und viel schlimmer noch: diese Lok kam erst 1917 auf die Schiene und hatte da garantiert bereits eine schwarz/rote oder schwarz/rotbraune Farbgebung !)
These 2: Ungeachtet des Fantasiemodells zeigen die Recherchen von Märklin die Farbgebung der frühen K.W.St.E. Dies muss jedoch plausibilisiert werden.
Exkurs: es macht meines Erachtens Sinn darüber nachzudenken, was man damals in der Epoche 1 eigentlich so pinseln konnte. Kunstharze: Fehlanzeige. Die kamen erst viel später. Also verwendete man Ölfarben mit verschiedenen Pigmenten (mineralisch / metallisch). Genau im Zeitraum der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Entwicklung von Farbpigmenten / industriellen Lacken eine ähnlich rasende Entwicklung wie heute die IT. Also muss man auf Plausibilität prüfen und schauen, was die Farbindustrie damals wann so hergab. Aus meiner Sicht sollte man die Epoche 1 in Bezug auf Farbgebung unterteilen:
- „Ante Anilin“: Lacke mit mineralischen / metallischen Pigmenten
- „Post Anilin“: Lacke mit synthetischen Pigmenten (Teerfarben)
Leuchtende Farbtöne sind mit wenigen Ausnahmen erst mit synthetischen Pigmenten möglich (ca. ab der Jahrhundertwende). Das später angesprochene chromoxidgrün konnte man erst 1929 synthetisch herstellen ! (Den Aspekt der Verfügbarkeit stabiler, nicht vergilbender Bindemittel oder gar Harze möchte ich gar nicht erst vertiefen.)
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gaben die Giftküchen Chrom(III)oxid als stabiles grünes Farbpigment her. Bekannt war es schon zuvor als Mineral (Eskolait). Mit Bleiweiss (basisches Bleicarbonat, toxisch) oder Zinkweiss (Zinkoxid) konnte man die Farbe aufhellen.
(Alternativ käme Pariser Grün (Kupfer(II)-arsenitacetat) in Betracht, das aber schon im 19. Jahrhundert aufgrund seiner Toxizität weitgehend verboten war.)
Spannenderweise errreicht man den „Märklin-Farbton“ durch eine solche Mischung von Chrom(III)oxid mit Bleiweiss. Es entspricht etwa einem resedagrün RAL 6011.
Die Frage des schwarz ist einfach. Schwarz konnte man mit Russpartikeln schon lange herstellen, ab 1863 auch auf Anilinbasis.
Zu den Zierlinien im württembergischen Farbmodell wird bei [1] rot genannt. Das kann bei RENO vom Helligkeitswert her überhaupt nicht stimmen. Auch gelb zweifle ich „ante Anilin“ an. Chromgelb (Blei(II)-chromat), Zinkgelb (komplexes Zinkkaliumchromat, nicht lichtstabil) und Cadmiumgelb (Cadmiumsulfid) waren verfügbar, passen aber nicht vom Helligkeitswert. Hellt man diese Farben mit Bleiweiss auf, kommen blassgelbe oder Elfenbeintöne heraus. Zum Vergleich lohnt ein Blick auf die S3/6 im Deutschen Museum, wenngleich das natürlich eine Maschine nach bayrischem Farbschema ist:
Quelle: Wikipedia, siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Bayerische_S_3/6
Zum Innenanstrich des Führerhauses wird allgemein in der Länderbahnzeit hellbraun oder hell-ocker berichtet.
Ich kürze ab, sonst wird es langweilig. Ich habe mir Folgendes zusammengereimt und in die RAL-Welt übersetzt. Und weil wir ja alle wissen, dass die Welt früher schwarzweiss war, auch noch das „Original“ dazu.
Harmonisch, hübsch und stimmig ist es ja. Möglich und plausibel auch, aber auch wahrscheinlich ?

Ich bin auf Euren Widerspruch gespannt.
Grüsse
Stoffel