Realistische(re) Figuren

Anlagen (aussen & innen), Dioramen, Gebäude, Figuren, Schienen, Autos, sonstiges Zubehör

Moderator: Marcel

teppichbahn
Buntbahner
Beiträge: 98
Registriert: Di 4. Jun 2019, 21:24

Re: Realistische(re) Figuren

Beitrag von teppichbahn »

Hallo,

noch mal ein kleines Update zu meinen Figurentests. ModelU habe ich inzwischen aufgegeben, die Qualität scheint kaum über verwaschene Selbst-Scans hinauszugehen und ist für unseren Maßstab wohl ungeeignet. Schade, denn dort gibt es das einzige auf Modellbahner ausgerichtete Angebot.

Bei ReedOak habe ich angefragt, ob auch Drucke in 1:22,5 möglich seien und eine positive Antwort bekommen. Auf eine Rückmeldung bezüglich meiner konkreten Bestellung warte ich allerdings noch. Die Figuren sind teuer, aber ich bin mir inzwischen sicher, dass die Qualität sowohl der 3D-Modelle als auch der Drucke absolut tadellos ist. Wenn man selbst 3D-Scans erstellt, nacharbeitet und drucken lässt, muss man dahin erst einmal kommen. Außerdem gibt es viele originelle Figuren im Angebot, die wirklich gut in ein Modellbahn-Setting verschiedenster Epochen passen.

Von Hobby Design und Tori Factory habe ich einige Figuren aus China bestellt. In einigen Details sind die Vorlagen, naja, etwas eigen. Aber besonders für die Wagenbestückung könnten die trotzdem gut geeignet sein, denn die Gesichter scheinen recht fein detailliert.

Angekommen sind bereits einige 3D-gedruckte Figuren von MAiM und North Star Models sowie Spritzguss-Bausätze von Master Box. Vor allem am Preis-Leistungs-Verhältnis kann ich bei MAiM nichts meckern, viel billiger kann man eigene Dateien in der Qualität kaum selbst drucken lassen. Leider ist der günstige Preis wohl auch der Grund, warum dort kein Sonderdruck in 1:22,5 möglich ist.

Die beiden zwei Figuren von North Star Models haben eigentlich in diesem Forum nichts zu suchen habe, sie waren nämlich schon fertig gebaut und bemalt und damit auch dementsprechend teuer. Mich hat einfach interessiert, was man so kriegen kann, wenn sich wirklich nur auf Fertigprodukte beschränkt.

Hier mal einige der Figuren, die ich in den letzten Wochen noch bekommen habe, im Vergleich:
Bild

Die beiden Spritzguss-Figuren ganz links sind ja schon bekannt und nur zum Vergleich im Bild. Die Dame am Tisch und der Herr daneben im blauen Hemd sind die Fertigfiguren, der Herr mit den Rückenproblemen ein 3D-Druck von MAiM und der rauchende Mann in Grün ein Spritzguss-Bausatz von Master Box.

Und noch mal die beiden Fertigfiguren sowie die MAiM-Figur etwas größer:
Bild

Die MAiM-Figur ist ausdrucksstark modelliert, so dass sich vor allem die Hautbereiche mit Schattierungen plastisch bemalen lassen. Die beiden Fertigfiguren sind ebenfalls sehr gut, besonders die Kleidung tadellos bemalt und die Präzision der Details ausgezeichnet. Solch feine Punkte und Linien kriege ich selbst nicht annähernd hin und muss bei der Technik schummeln. Der Aufdruck auf dem T-Shirt hinten ist grandios. Ich sehe nur nicht ganz den Sinn, sowas per Hand zu malen, das kann man doch eigentlich ganz einfach mit Decals machen. Mehr geht bei der Bemalung natürlich immer, aber dazu braucht man schon recht fortgeschrittene Künste inklusive Airbrush. Hier mal ein Beispiel, was alles möglich ist. Die Figur ist so gut, da sieht die Botanik im Vergleich richtig armselig aus.

Mir persönlich sind die Fertigfiguren ihr Geld aber trotzdem nicht ganz wert. Zum einen reizt es mich nicht, solche handwerklichen Feinarbeiten an Profis auszulagern, ähnlich wie ich wenig Interesse daran habe, mir Handarbeits-Loks für viel Geld in China zusammenlöten zu lassen. Solange ich das selbst nicht kann, bleibe ich lieber bei schlechten Großserienmodellen, sonst kann ich genausogut teure Schweizer Uhren sammeln.

Zum anderen würde ich solche Figuren selbst nicht allzuviel schlechter, in einigen subjektiven Aspekten mit etwas mehr Übung vielleicht sogar besser hinbekommen. Hier mal das Gesicht eines selbst bemalten 7-Euro-Bausatzes im Vergleich mit dem 30-Euro-Fertig-Mann:
Bild

Das Gesicht, besonders die Augenpartie, ist gut gezeichnet, aber halt ohne Schattierungen, ob Augenhöhlen, Stirnfalten oder Bartschatten. Auch das Haar, besonders der Haaransatz geht besser; ich finde, eine einfache Farbkante reicht da nicht. Nun verhält es sich mit Schattierungen von Gesichtern meiner Ansicht nach ein bisschen wie mit Alterungen von Rollmaterial. Beides ist notwendig für einen einigermaßen realistischen Eindruck, aber die Geschmäcker gehen auseinander und man kann schnell alles versauen. Bei den beiden Gesichtern oben ist das wohl noch eine Geschmacksfrage. Ich selbst mag aber Gesichter mit Schattierung lieber, auch wenn ich da noch ganz klar in der Übungsphase bin.

Bei der 50-Euro-Frauenfigur finde ich allerdings das Gesicht in der Nahaufnahme nicht mehr akzeptabel, gerade im Vergleich zu einem meiner früheren Versuche:
Bild

Das Gesicht wirkt sehr flach und puppenhaft. Auch an den Armen fehlen Schattierungen. Klar, den Preis bezahlt man hauptsächlich für den gimmickhaften T-Shirt-Aufdruck, aber das Gesicht sollte nicht so abfallen. Auch die Chucks-Schuhe sind bei der Fertigfigur zwar feiner bemalt als bei mir, aber so richtig fällt der Unterschied im Vergleich nicht auf.

Insgesamt sehen alle Figuren aber deutlich besser aus als alles, was man von den Bahn-Zubehör-Herstellern so bekommt. Zum Vergleich ein Gesicht einer aktuellen Preiser-Figur, sowas ertrage ich inzwischen nicht mehr:
Bild

Von MAiM habe ich auch noch ein paar Tierfiguren bestellt. Sowas kann man sicher auch selbst drucken lassen, aber die Sets waren unter 10 Euro und fein dedruckt. Besonders die Tauben ließen sich recht einfach bemalen:
Bild

So ein kleiner Schwarm passt eigentlich überall hin:
Bild

Dann bin ich beim Bemalen auf ein praktisches Problem gestoßen, vielleicht könnt ihr mir da weiterhelfen. Die von mir verwendeten wasserbasierten Farben scheinen sich durch die Wärme und Feuchtigkeit der Hand auch nach langem Durchtrocknen wieder anzulösen. Dadurch habe ich Schwierigkeiten besonders beim Bemalen der Details, weil ich die Figuren an bereits kolorierten Teilen nicht richtig festhalten kann.

Ich habe wasserbasierten Mattlack als Schutzschicht probiert, aber der macht ähnliche Probleme. Nur Lack aus der Sprühdose sorgt für eine wirklich stabile Fixierung, aber den kann ich nicht partiell oder gar immer wieder zwischendurch aufbringen. Die beste Lösung ist vermutlich einfach die Verwendung von Oldschool-Alkydharzlacken. Die neuen wasserbasierten Lacke sind halt so schön praktisch und bequem, außerdem relativ einfach wieder korrigierbar.

Eine anderer Aspekt ist, dass bei mir jeder Mattlack bei ausreichend robuster Schichtdicke doch wieder ein etwas seidenglänzendes Finish hinterlässt, was besonders bei T-Shirts und Ähnlichem den Gesamteindruck stört. Das Problem kennt man ja grundsätzlich vom Altern, aber eine richtige Lösung hab ich noch nicht gefunden.
teppichbahn
Buntbahner
Beiträge: 98
Registriert: Di 4. Jun 2019, 21:24

Re: Realistische(re) Figuren

Beitrag von teppichbahn »

Hallo,

ein kleiner Nachtrag, vorgestern kam noch ein Nachzügler von MAiM, ebenfalls 3D-gedruckt. Für 9 Euro gefällt er mir ganz gut:
Bild
teppichbahn
Buntbahner
Beiträge: 98
Registriert: Di 4. Jun 2019, 21:24

Re: Realistische(re) Figuren

Beitrag von teppichbahn »

Hallo,

da ich meine unsäglichen Preiserfiguren weitgehend entsorgt habe, brauchte ich etwas neues Material für die Wagenbestückung. Also habe ich mir eine Fuhre von 100 sitzenden Figuren im 3D-Druck für zusammen 50 Euro gekauft. Die Figuren sind alle in 1:24, aber größer könnte ich sie selbst in einigermaßen maßstäblichen oder sogar übermaßstäblichen Wagen gar nicht unter bringen (woran liegt das eigentlich? Zu dicke Bauteile, die Platz wegnehmen? Oder einfach an der mangelnden Gelenkigkeit der Leute?). Einige hoffentlich hochqualitative Figuren Figuren in 1:22,5 für den Vordergrund sind aber schon auf dem Weg. Das ist die ganze Ladung ausgepackt, sie besteht aus 20 verschiedenen Figuren in jeweils fünffacher Ausführung:
Bild

Die Rohfiguren sehen auf dem Übersichtsbild sicher nicht sonderlich beeindruckend aus, die Druckqualität ist aber tatsächlich sehr gut. Die Vorlagen dagegen sind anscheinend ein Sammelsurium von Dateien, die mehr oder weniger frei im Netz herumfliegen, also ziemlich uneinheitlich. Einige Figuren sind fein detailliert und ausdrucksstark, andere etwas verwaschener und besonders einige Frauen sind mäßig detaillierte Fantasiemodelle mit Atombusen. Stützteile sind bereits entfernt, ab und zu gibt's winzige Löcher, aber nichts, was sich nicht in ein paar Sekunden beheben ließe.

Insgesamt ist das Set für den Preis von 50 Cent pro Figur ziemlich irre, dafür hätte ich nicht mal die aufwendige Verpackung gemacht, vom Drucken und Nacharbeiten jeder einzelnen Figur gar nicht zu reden. Man kann damit beim Bemalen ordentlich experimentieren, und die Bestückung ganzer Züge ist auch kein Problem, vom völlig vernachlässigbaren Aufwand der Bemalung mal abgesehen.

Bei der ersten Charge der Bemalung habe ich den meisten Figuren die Unterschenkel abgesägt, damit sie später in einer Straßenbahn Platz finden. Grundiert wurden sie mit Baumarktspray. Danach habe ich noch ein Pre-Shading durch Benebeln aus verschiedenen Winkeln in Schwarz und Weiß aus der Dose aufgebracht. Ob die Helligkeitsverläufe am Ende wirklich einen Unterschied machen, weiß ich nicht, aber die rauhe Oberfläche hilft enorm bei der späteren Bemalung. Man muss nur etwas aufpassen, es nicht zu übertreiben, sonst erkennt man das körnige Finish später in Makroaufnahmen.

Ich fände es ja spannend, zur Bemalung von Figuren Erfahrungen auszutauschen, aber das Thema wird ja von Modellbahnern leider ziemlich stiefmütterlich behandelt. Deswegen schaue ich gezwungenermaßen bei den Militaria- und Fantasy-Leuten vorbei, um dort Anregungen zu finden. Dabei habe ich festgestellt, dass man deren Techniken für unsere Zwecke etwas anpassen muss, da sonst alles etwas zu übertrieben leuchtet, poppt und dreckt und dadurch hinterher cartoonartig wirkt. So ganz langsam bekomme ich den Dreh heraus, das sind die ersten fünf von 100 Figuren:

Bild

Bild

Bild

Bild

Bild

Bei der Bemalung oben habe ich mich zum ersten Mal an einem Airbrush versucht. Verwendet habe ich ihn letztlich nur für einige Oberteile, für das ständige Abkleben und Auswaschen bin ich sonst zu ungeduldig. Lichter und Schatten bekommt man mit der Airbrush tatsächlich deutlich einfacher hin. Ich habe auch überlegt, ob Licht- und Schattenmalerei überhaupt sein muss, wenn die Strukturen sowieso plastisch nachgebildet sind und sich damit die Effekte durch echten Lichteinfall auch auf natürliche Weise einstellen sollten. Das scheint aber wie andere Dinge auch im Kleinen so nicht zu funktionieren, die mühselige Pinselei ist also notwendig.

Generell kann man an den Figuren, besonders den Gesichtern, immer noch weitermalen, um das Finish zu verbessern; da gibt's eigentlich keine Grenze. Nur sehr verdünnt und mit extrem wenig Farbe am Pinsel muss man immer arbeiten. Für ein Diorama würde ich die Bilder oben nur als Zwischenschritt sehen. Da allerdings die Figuren ohnehin in LGB-Wagen landen, fehlt mir ein wenig die Motivation für weitere Feinarbeit.

Insgesamt denke ich, dass das Figurenproblem in unserer Baugröße inzwischen endlich gelöst ist. Ich sehe jeden Monat mehr Angebote von 3D-gedruckten Figuren in ausreichender Qualität, von eigenen Scans und Drucken mal ganz abgesehen. Die Druckqualität ist zunehmend so gut, dass das Endergebnis nur noch von den eigenen Bemalkünsten abhängt. Fotorealismus damit sollte auch für Makroaufnahmen prinzipiell möglich sein (nicht wenn ich die Bemalung gemacht habe, aber halt im Prinzip). Ich fände es enorm spannend, wenn einige der Modellbauer hier, die bei ihren Dioramen schon extrem nah am Fotorealismus sind, sich auch an Figuren auf ähnlichem Niveau herantrauten.
Antworten